Mission Putzen – wie Gamification den Alltag zum Abenteuer macht

Macht Ihr gerne Eure Steuererklärung? Findet Ihr Staubsaugen und Fensterputzen toll? Und wie lange halten bei Euch gute Vorsätze à la „mehr Sport“ und gesünder Essen? Im Alltag haben wir laufend mit Pflichten und Aufgaben zu tun, die den wenigsten Menschen Spaß machen. Aber was wäre wenn aus Pflichten spielerische Herausforderungen werden? Wenn ganz banale Dinge plötzlich als Teil eines großen Ganzen gemeistert werden müssen und Ihr für jede erledigte Aufgabe mit Punkten belohnt werden würdet und Eure Mitspieler oder Konkurrenten ausstechen könntet? An die leidige Steuererklärung haben sich Game-Designer und anderen kreative Köpfe zwar noch nicht gewagt, aber für viele andere Alltagspflichten existieren bereits spielerische Ansätze – der Gamification sei dank.

Spielen – immer und überall

Unbewusst nutzen wir alle mehr oder weniger täglich das Prinzip der Gamification – zum Beispiel in dem wir uns bei Routineaufgaben das Ziel setzen, sie immer noch ein Stückchen schneller zu erledigen. Gamification ist also keine absolut neue Erfindung, aber sie professionalisiert unseren natürlichen Spieltrieb. Dass sich der Ansatz in den vergangenen zwei, drei Jahren so weiterentwickelt hat, liegt ganz entscheidend an neuen technischen Voraussetzungen. Denn es sind vor allem die Smartphones, die es uns erlauben, überall und jederzeit in Spielewelten einzutauchen und damit dafür sorgen, dass die U-Bahn-Fahrt nicht mehr so langweilig ist, die Stadt sauberer wird und wir statt fünf Kilometern sechs oder sieben beim Joggen schaffen. Wie, wo und mit was das funktioniert, erfahrt Ihr hier!

Die Stadt als Spielplatz: Chromaroma

Mails checken, Musik hören, bei Facebook reinschauen: Seit es Smartphones gibt, werden in Bahn und Bus definitiv weniger Bücher und Zeitungen gelesen. Kann ich zwar nicht mit Studien belegen, denke ich mir aber jedes Mal wieder, wenn ich ein öffentliches Nahverkehrsmittel betrete. Doch mit diese bekannten Funktionen sind die Möglichkeiten des Smartphones natürlich bei Weitem nicht ausgereizt, wie ein Blick nach London zeigt. Oder besser: Ein Blick in den Londoner Untergrund.

Denn die App „Chromaroma“ macht das U-Bahnfahren (und inzwischen auch den Trip per Bus oder auf dem Fahrrad) zu einem großen Abenteuer. Zugang zu dieser Spielewelt haben alle Besitzer der Oyster Card, einer elektronischen Fahrkarte. Zusätzlich müssen sich die Mitspieler registrieren und natürlich die App installieren. Über die Fahrkarte werden dann sämtliche Reisedaten an die Anwendung gesendet, die daraus wiederum eine Art Parcours entwickelt. Auf der Fahrt von A nach B können die Teilnehmer Punkte sammeln, Aufgaben lösen und sich mit anderen Mitspielern zusammentun, um größere Herausforderungen zu meistern. Statt Festungen oder Inseln müssen in „Real Life Missions“ zum Beispiel Bahnstationen erobert werden.

Die Mitspieler haben bei „Chromaroma“ zunächst vermutlich vor allem das Ziel, möglichst viele Punkte zu sammeln und ganz vorne in der Rangliste zu liegen. Eigentliches Ziel der App ist es aber, Verbindungen zwischen den Passagieren zu schaffen und die Passagiere dazu zu bringen, ihr Reiseverhalten bewusster wahrzunehmen und den eigenen Horizont zu weitern. Zum Beispiel gibt es Punkte dafür, andere Strecken statt des üblichen Wegs zu benutzen. Oder auch dafür, virtuelle Botschaften an bestimmten Punkten der Stadt zu hinterlassen.

Aus Sicht der Chromaroma-Entwickler durchdringt Technik längst unseren gesamten Alltag und wir alle schaffen unablässig neuen Daten-Content, sind uns dessen aber gar nicht bewusst. Mit Chromaroma soll also spielerisch einerseits unser Bewusstsein für komplexe Vorgänge wachsen, auf der anderen Seite geht es darum, eingefahrene Verhaltensweisen in Frage zu stellen und dadurch den Alltag interessanter zu machen. Stellt sich nur die Frage: Warum gibt es solche Apps nicht auch für Hamburg, München oder Berlin?

Fit werden im Spiel: Zombies, run!

Wer Untote im Nacken spürt, läuft schneller: Zombies, run! sorgt mit hohem Gruselfaktor für Fitness. Screenshot: checkdomain.de

Als Stadtmensch hat man in der Regel nicht die große Auswahl und freut sich schon, wenn der tägliche Jogging-Kurs hauptsächlich durch Parks und nicht nur an großen Straßen entlang führt. Aber auch der netteste Park wird auf Dauer öde, wenn er dreimal wöchentlich durchlaufen wird. Und je öder die Strecke wird, desto geringer wird häufig die Motivation, sich die Laufschuhe anzuziehen. Die Lösung lautet auch hier: Ladet Euch Apps auf Euer Smartphone, die Euch Beine machen.

Für alle Fans von Horrorfilmen (bzw. Menschen, die nicht allzu schreckhaft sind) empfiehlt sich beispielsweise „Zombies, Run!“, das Onlinespiel und Jogging miteinander verbindet. Der Titel beschreibt schon ganz gut, was hier passiert. Mit der App seid Ihr nicht mehr alleine unterwegs auf Eurer Runde. Oder auch: „Get fit. Escape Zombies. Become a hero“, wie es auf der Webseite zur Anwendung heißt.

Als Nutzer müsst Ihr Euren Start- und Zielpunkt in Euer Smartphone eingeben – Eure Route erscheint dann auf einem Plan und Ihr erhaltet einen Mission, etwa Medikamente aus dem Krankenhaus zu besorgen, um anderen zu helfen. Über Kopfhörer bekommt Ihr zudem die ganze Zeit über weitere Anweisungen und Tipps. Die Mission zu meistern ist in einer post-apokalyptischen Welt aber gar nicht so einfach, weil überall Zombies lauern, die Euer Gehirn wollen. Je schneller Ihr rennt, desto größer die Chancen, den Untoten zu entkommen. Wer es heil ins Ziel geschafft hat, kann sich über viele Punkte und von Lauf zu Lauf mehr Fitness freuen.

Einen kleinen Eindruck des Spiels bekommt Ihr in diesem Video, in dem die Entwickler Ihr Projekt vorstellen:

Rund um „Zombies, Run!“ hat sich innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit eine ziemlich große Community gebildet – Spieler/Läufer treffen sich unter anderem zu Events, um sich gemeinsam auf die Flucht vor den Zombies zu begeben. Für alle Laufneulinge gibt es übrigens auch eine Einsteigervariante, die Euch in kleinen Schritten vom schnellen Gehen hin zum richtigen Laufen führt. Wobei auch die normale Variante auf einen Geh-Modus eingestellt werden kann.

Fazit: „Zombies, Run!“ macht es zwar auch nicht leichter, an einem kalten Wintermorgen noch früher aufzustehen, um Laufen zu gehen – aber wenn man dann erstmal unterwegs ist, macht das Laufen mit Untoten-Begleitung wirklich Spaß. Kleine Warnung: Wer damit abends im dunklen Park unterwegs ist, könnte anfangen sich richtig zu gruseln – das Spiel schafft es, einen in eine andere Welt eintauchen zu lassen.

Organisiert durch den Tag: Epic Win

Level up your life: Epic Win will das Staubsaugen und Aufräumen zum Abenteuer machen… Screenshot: rexbox.co.uk/epic win

Schon mal was von Prokrastination gehört? Wer davon betroffen ist, hat die „Aufschieberitis“. Und genau gegen diese soll „Epic Win“ helfen. Epic Win begleitet Euch – sobald Ihr die (derzeit nur für das iPhone erhältliche) App heruntergeladen, Euren Avatar aktiviert und eine Task-Liste angelegt habt – durch den gesamten Tag. Die Anwendung ist eine Kombination aus klassischer To-do-Liste und einem Rollenspiel. Für jede erledigte Aufgabe, die Ihr von Eurer Liste streichen könnt, bekommt Ihr Punkte und verhelft Eurem Epic Win-Alter Ego zu neuen Ehren bzw. Fähigkeiten – gemäß dem Motto „Level up your life“. Natürlich könnt Ihr auch gegen andere Mitspieler antreten und dann zum Beispiel mit dem Mitbewohner um die Wette Staubsaugen.

Der Grundgedanke der Epic Win-Macher ist es, langweilige Alltagspflichten etwas abenteuerlicher zu gestalten und so das in Angriff nehmen zu erleichtern – also ganz im Sinne der Gamification. Aber um ehrlich zu sein: Bei mir wächst der Stapel mit Bügelwäsche trotz Epic Win fröhlich weiter vor sich hin. Von schmutzigen Fenstern und dem Zahnarzttermin wollen wir mal lieber nicht reden… Vielleicht liegt es daran, dass ich kein großer Rollenspiel-Fan bin (Ausnahmen bestätigen die Regel – siehe Zombies, run). Außerdem finde ich das Anlegen von To-Do-Listen auf dem Smartphone nach wie vor umständlicher als schnell ein paar Notizen auf einem Zettel zu machen und da dann mein Häkchen zu setzen.

Vielleicht ist es aber auch einfach so, wie es der Hamburger Gamification-Experte Sebastian Deterding sagt: Man braucht nicht unbedingt Epic Win, um sich Alltagsaufgaben etwas reizvoller zu gestalten – man kann sich zum Beispiel ja auch selber Belohnungen für vollbrachte Taten ausloben. Und: Nur weil man eine Sache bunt anstreicht, ist sie noch lange kein gutes Spiel. Denn gute Spiele müssen eine ganze Reihe von Voraussetzungen mitbringen. Gerade da sieht Deterding bei Gamification-Anwendungen aber noch viel Luft nach oben.

Was im Sinne der Gamification eine  gelungene Anwendung ausmacht und wie sich damit Spielen und Lernen zusammenbringen lassen, dem gehen wir im nächsten Teil der Gamification-Serie nach – dann unter anderem mit einem Ausflug nach New York.

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