Die Firma als Spielplatz? Der gamifizierte Arbeitsplatz

Die theoretischen Grundlagen sind geschaffen, heute geht es weiter mit der Praxis: Im Rahmen unserer Gamification-Reihe stellen wir Euch ein paar Anwendungsbeispiele vor. Denn gerade in großen Unternehmen erfreut sich die Spielifizierung bereits großer Beliebtheit. Wobei sich Hardcore-Spielefans vermutlich etwas die Augen reiben werden – denn nach Spiel sehen Gamification-Anwendungen nur selten aus.

Computerspiele als Training für den Job?

Achtung, digital natives: Wer für junge Mitarbeiter attraktiv sein will, muss in vielen Bereichen komplett umdenken. Foto: panthermedia.net/Oksana Kuzmina

Es gibt in der Gamification-Zunft durchaus einige Vertreter, die der Ansicht sind, dass klassische Multiplayer-Games perfekt sind für die Enterprise Gamification. Stanford-Professor Byron Reeves geht sogar soweit, Bewerbern um einen Job zu empfehlen, es in den Lebenslauf zu schreiben, dass sie begeisterte WoW-Spieler sind. Seine Begründung: Viele Fähigkeiten, die in diesen Spielen zum Weiterkommen benötigt wwerden, werden auch im Job gebraucht.

Dem gegenüber stehen die Strategen der großen Gamification-Agenturen wie Badgeville, Big Door oder Bunchball. Alle drei haben den Trend zur Gamification bereits frühzeitig erkannt und setzen seit Jahren Projekte für große Konzerne auf unterschiedlichste Weise um – auch mal als kleines Online-Spiel, gerade im Bereich Enterprise Gamification aber eher als sehr sachlich anmutende Anwendung.

Ein Zitat von Rajat Paharia, Gründer von Bunchball, bringt die Unterschiede zwischen Spielen und Gamification sehr schön auf den Punkt: “I think five years ago, most organizations were reluctant to embrace gamification because of the ‘games’ concept. Since then, more organizations are learning that gamification and games aren’t the same thing — in fact they’re somewhat orthogonal. Gamification applies game mechanics to non-game experiences, but the goal isn’t gameplay, it’s ongoing engagement. Organizations are now realizing that gamification doesn’t make business more ‘fun,’ it just helps change the way people perceive their work in a positive way.”(via Mashable)

Enterprise Gamification – zum Beispiel SAP

Der Software-Konzern SAP gehört zu den Unternehmen, die zu den Pionieren im Bereich Enterprise Gamification gehören. Den Anfang soll ein in die Firmensoftware integriertes Golfspiel gemacht haben, bei dem Kundenwünsche als Golfball zum zuständigen Kollegen geputtet wurden. Ziel war es, dass Kundenanfragen schneller an die richtige Adresse weitergeleitet werden sollten. So schlicht das klingt, so erfolgreich scheint es gewesen zu sein, denn SAP ist der Gamification treu geblieben, wenn auch in wesentlich komplexerer Form.

Das Community Network von SAP, kurz SCN genannt, hat weltweit mehr als zwei Millionen Mitglieder. Entsprechend schwierig war es bei dieser Menge von Menschen, Experten unter den Nutzern zu identifizieren bzw. Nutzer zu motivieren, Wissen weiterzugeben und sich selber zu Experten weiterzubilden.

SCN setzt dafür auf „Recognition & Reputation“. Für Beiträge auf der Seite gibt es Bonuspunkte. Für eine entsprechende Zahl von Bonuspunkte Badges und Titel und den Aufstieg auf das nächste Level. Es gibt Ranglisten à la Mitarbeiter des Monats, es gibt die Möglichkeiten in Teams zusammenzuarbeiten.

Ranglisten und Bonuspunkte sind aber nur die eine Seite – tatsächlich kann das Engagement SAP-Professionals auch helfen, befördert zu werden oder einen neuen Job zu bekommen. Die Personalverantwortlichen nutzen das Netzwerk, um neue Mitarbeiter zu finden und orientieren sich dabei wesentlich am Punktestand der Community-Mitglieder, heißt es bei den Entwicklern von Bunchball.

Fortbildung zum Manager  per Online-Planspiel

Sieben Jahre in wenigen Monaten: Wer sich am Online-Planspiel „International Management Simulation“ der Bayer AG beteiligt, durchläuft Management-Prozesse im Zeitraffer und eignet sich auf spielerische Art und Weise neue betriebswirtschaftliche Kenntnisse an.

In dem Spiel treten vier Teams an, um in sieben (simulierten) Geschäftsjahren als verschiedene Unternehmen gegeneinander zu konkurrieren. Ziel ist es, bestimmte Produkte auf verschiedenen Märkten zu platzieren und dabei natürlich besser zu sein als die anderen Mannschaften.

Das Planspiel wird bei Bayer für die interne Fortbildung verwendet und hat offensichtlich die gewünschten Ziele erreicht. Der Konzern denkt jedenfalls darüber nach, Gamification auch in anderen Bereich einzusetzen.

Mehr Spaß an Word – Microsoft Ribbon Hero

Mit Clippy Office erkunden: Die Gamification-Anwendung „Ribbon Hero“. Screenshot: Ribbon Hero

Beispiel Nummer drei befindet sich auf der Schnittstelle zwischen Kundenbindung (oder auch Marketing) und Enterprise Gamification. es geht um Microsofts Ribbon Hero, eine der bekanntesten Gamification-Anwendungen überhaupt. Das Spiel wurde entwickelt, damit Nutzer auf spielerische Art und Weise Microsoft Office besser kennenlernen und die Potenziale von Word, Excel und Co. stärker nutzen – denn die sind selbst Profis oft unbekannt.

Bei Ribbon Hero müssen die Mitspieler verschiedene Herausforderungen bewältigen, die sie jeweils in das Reich von Word, Excel und Powerpoint führen. Verbunden sind die Aufgaben mit einer Geschichte rund um die Büroklammer Clippy. Für richtig gelöste Aufgaben gibt es Punkte. Für alle, die mehr wissen wollen oder nicht weiterkommen, gibt es Tutorials und Foren.

Im Gegensatz zu den ersten beiden Beispielen handelt es sich bei den Abenteuern von Clippy um ein richtiges Spiel, dass einem auf unterhaltsame Weise die ansonsten überwiegend wenig erquickliche Office-Software näher bringt. Auch hier scheinen die Erwartungen der Macher erfüllt worden zu sein – Ribbon Hero ist inzwischen in die zweite Runde gegangen.

Nicht zu leicht, nicht zu komplex – Gamification im Fein-Tuning

„Nichts für Erwachsene“, „auf Dauer langweilig“: Mit solchen und ähnlichen Sätzen werden Gamification-Anwendungen immer wieder kritisiert. Und leider trifft diese Kritik ziemlich oft zu. Meistens dann, wenn die Anwendungen nicht wirklich gut sind. Etwa, weil sie nicht ausreichend getestet wurden. Oder weil an der falschen Stelle gespart wurde – gute Spiele kosten ganz einfach sehr viel Geld.

Gamification-Anwendungen müssen den Standards entsprechen, die wir alle mittlerweile von Online-Spielen gewohnt sind. Sparversionen locken niemanden. Nötig sind nachhaltige und meist komplexe Konzepte, sagt Rüdiger Zarnekow, der sich an der TU Berlin unter anderem dem Bereich Gamification im Unternehmenskontext widmet. Ist ein Spiel einfach geworden und kein neuer Level mehr zu erreichen, wird auch nicht mehr gespielt. Umgekehrt dürfen solche Anwendungen aber auch nicht zu schwierig sein, um Frustrationen zu vermeiden.

Es ist also viel Feintuning gefragt – schließlich ist jedes Unternehmen anders, es geht immer um unterschiedliche Probleme oder Ziele, um andere Zielgruppen und Mitarbeiterstrukturen, verschiedene Unternehmenskulturen und Zugangsvoraussetzungen. Daher gibt es nicht das eine optimale Konzept, das allen übergestülpt werden kann. Und: Wie bei einem „echten“ Spiel sind auch Gamification-Anwendungen nie endgültig fertig. Es gibt immer etwas zu verbessern oder anzupassen, nur so bleibt der Erfolg auf Dauer erhalten.

Checkliste: Darauf muss bei Enterprise-Gamification-Konzepten geachtet werden

Großer Vorlauf und intensive Vorbereitung: Wirklich gute Konzepte können nicht von einer kleinen Mitarbeitergruppe nebenher entwickelt werden. Es sollten Experten aus unterschiedlichsten Disziplinen miteinbezogen werden.

Unternehmenskultur: Sind die Hierarchien flach oder streng? Wie ist der Umgangston? Funktioniert eine Anwendung vielleicht besser, wenn Pseudonyme verwendet werden dürfen? Die Entwickler der Anwendung müssen ein Unternehmen zunächst wirklich gut kennenlernen, müssen wissen, wie alle Beteiligten ticken.

Die Teilnahme sollte freiwillig sein, das Unternehmen sollte aber im Vorfeld möglichst viele Mitarbeiter für das Gamification-Konzept begeistern (und die Kommunikation entsprechend darauf abstellen) – Spielen funktioniert grundsätzlich nur ohne Zwang.

Bloß keine Demotivation: Gamification funktioniert – dank Feedback und Interaktion. Am besten funktionieren Konzepte, bei denen auch die Erfolgserlebnisse haben, die nicht zu den Top Ten gehören. Dafür empfiehlt sich zum Beispiel das Arbeiten mit dem Ausschnittsverfahren: Es ist nie die ganze Rangliste zu sehen, sondern immer nur ein kleiner Ausschnitt, der die Konkurrenten direkt vor und direkt hinter mir zeigt.

Literatur zum Thema:

Byron Reeves plädiert in seinem Buch für Multiplayer-Games als Gamification-Anwendung im Job.Screenshot: amazon.com

Byron Reeves: Total Engagement: Using Games and Virtual Worlds to Change the Way People Work and Businesses Compete

Aaron Dignan: Game Frame: Using Games as a Strategy for Success

Jane McGonigal: Reality Is Broken: Why Games Make Us Better and How They Can Change the World

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Die Firma als Spielplatz? Der gamifizierte Arbeitsplatz, 5.0 out of 5 based on 2 ratings

4 Kommentare zu “Die Firma als Spielplatz? Der gamifizierte Arbeitsplatz

  1. Sehr interessanter Beitrag.

    Woher kommen denn die Informationen für die Beispiele? Da würde ich gerne noch mehr zu wissen.

    1. Hallo Caro, klick mal auf die entsprechenden Links im Text – dann landest Du direkt bei den gesuchten Quellen ;)!

  2. Interessanter Beitrag, der mit den vier Erfolgsfaktoren am Schluss das Wesentliche prägnant zusammenfasst. Witzig fand ich die SAP-Idee mit dem Golfspiel ;-)

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