MOOCs – online studieren

Vor wenigen Tagen ist nicht nur an den Universitäten das neue Semester gestartet. Auch im Netz wurde es für mehrere 1000 „Erstsemester“ ernst. Mit iversity wurde pünktlich zum Semesterbeginn die erste europäische Plattform für kostenlose Online-Vorlesungen für alle gelaunched. Mehr als 100 000 Menschen haben sich allein dort angemeldet um an Massive Open Online Courses (MOOCs) teilzunehmen. Geht man von den Zahlen aus, scheint das Prinzip MOOCs ein voller Erfolg zu sein – oder ist es doch nur ein weiterer Hype?

Numerus clausus? Persönliches Bewerbergespräch? Eingangstests? Zeugnisse? Könnt Ihr alles vergessen. Genauso wie Studiengebühren oder den anstrengenden Kampf um die raren Plätze im Hauptseminar. Für die Teilnahme an einem MOOC genügt die Anmeldung per Mailadresse und Passwort. Keine weiteren Formalien, keine Gebühren. Dafür gibt für die Dauer des Kurses regelmäßig Vorlesungen von Top-Professoren aus aller Welt aus den unterschiedlichsten Wissensbereichen – Mathematik und Marketing sind ebenso vertreten wie Philosophie oder Medizin.

Was sind MOOCs ?

MOOCs sollen mehr sein als abgefilmte Vorlesungen, die dann als Konserve wieder und wieder heruntergeladen werden können. Die Initiatoren dieser neuen E-Learning-Varianten wollen eine neue Form des Lernens schaffen und dafür die Möglichkeiten, die sich online bieten, bestmöglich nutzen, wie es etwa Hannes Klöpper, einer der Gründer von iversity beschreibt.

In der Regel erstellen die beteiligten Universitäten für die MOOCs eigene Vorlesungsvideos, oft in überschaubarer Länge von 10 bis 15 Minuten. Im Anschluss an die Videos gibt es meistens Aufgaben, die den Studenten die Möglichkeit bieten sollen, das gerade Gehörte und Gesehene zu vertiefen. Dazu kommen Diskussionenforen, in denen sich Lehrende und Lernende austauschen und die Unterlagen zu den Vorlesungen. Als Teilnehmer an einem MOOC kann man einsam vor sich hinlernen, eigentlich ist das System aber darauf ausgelegt, sich mit anderen Studenten zu vernetzen. Schließlich geht es neben Multimedialität bei MOOCs auch immer um die Interaktivität.

Die Themen in den angebotenen Kurse sind oft sehr speziell und eher dafür geeignet, als Student sein Wissen zu erweitern oder als Akedemiker neben dem Beruf sein Wissen aufzufrischen. Die US-amerikanischen Plattformen bieten auch eine ganze Reihe von Nachhilfekursen für Studenten, die Prüfungen nicht geschafft haben. Mit dem Grundlagenwissen, das etwa in Volkshochschulen vermittelt wird, haben MOOCs nicht wirklich etwas zu tun.

Wie sind MOOCs entstanden?

Die Online-Vorlesungen für das ganz große Publikum gehören zu den Angeboten im Netz, die sich in einem ungeheuren Tempo entwickelt haben – nach einem eher mühsamen Start. Erste Ansätze zu MOOCs gab es bereits vor mehr als zehn Jahren, richtig Fahrt aufgenommen hat die Idee aber erst 2011 mit dem MOOC „Artificial Intelligence“ des Standford-Professors Sebastian Thrun. 160 000 Leute meldeten sich damals für seine Vorlesung an, 23 000 hielten nach Thruns Angaben bis zum Schluss durch.

Thrun lehrt inzwischen kaum noch in Stanford. Stattdessen hat er die Plattform udacity gegründet, mit der er allen Menschen weltweit einen Zugang zu den Top-Universitäten ermöglichen möchte. Ihm geht es um eine Demokratisierung des Lernens und um Chancengleichheit. MOOCs sollen Menschen erreichen, die sonst nicht die Möglichkeit hätten, zu studieren – sowohl in den USA und Europa, wie auch in Afrika oder Asien.

Online studieren – von coursera bis iversity

30 000 eingeschriebene Teilnehmer: Storytelling hat sich bei iversity als Top-Kurs erwiesen. Screenshot: iversity.org
30 000 eingeschriebene Teilnehmer: Storytelling hat sich bei iversity als Top-Kurs erwiesen. Screenshot: iversity.org

Im Zuge des aktuellen MOOC-Hypes sind mittlerweile eine ganze Reihe von Plattformen auch im europäischen beziehungsweise deutschsprachigen Bereich entstanden, die nach ähnlichen Prinzipien arbeiten, aber teilweise thematisch unterschiedlich ausgerichtet sind.

  • udacity: „learn. think. do“ lautet das Motto der Plattform. Ursprünglich auf Kurse im Bereich Mathematik und Informatik spezialisiert, bietet das Portfolio inzwischen unter anderem auch Lektionen im Bereich Design, eine Einführung in Psychologie oder zur Gründung eines Startups an. Dazu kommen Themen wie Einführung in die Statistik, Java-Programmierung und Web Development. Das Kursangebot ist komplett englischsprachig und unterteilt in Lektionen für „Beginner“, „Intermediate“ und „Advanced“. Alle Kurse sind kostenlos. Für die nahe Zukunft ist geplant, auch Online-Masterkurse mit einem Universitätsabschluss anzubieten, die dann allerdings Studiengebühren kosten werden.
  • coursera: Die ebenfalls von Stanford-Professoren gegründete Plattform ist momentan von den Teilnehmerzahlen her die Nummer 1 unter den Anbietern von MOOCs. Aktuell sind 5,2 Millionen Menschen dort eingeschrieben. Wie udacity arbeitet auch coursera mit renommierten Universitäten zusammen, wobei hier der Blick weit über den US-amerikanischen Horizont hinausgeht. Zu den ausgewählten internationalen Kooperationspartner zählen zum Beispiel die Ludwig-Maximilians-Universität und die Technische Universität München. Die Kursauswahl ist schlicht erschlagend: Einführung in die Pharmazie, Spieltheorie, Ägyptologie, Songwriting, Informatik für Ökonomen…
  • iversity ist der jüngste Zugang unter den MOOC-Plattformen und widmet sich speziell dem deutschen beziehungsweise dem europäischen Markt. Mit 24 Kursen startet die Plattform in das erste Semester. Im Vergleich zu udacity und coursera ist das nicht viel, die Resonanz ist aber dennoch groß. Bereits 115 000 Studierende haben sich eingeschrieben. Beliebteste Kurse sind „The Future of Storytelling“, „Design 101“ und „Public Privacy: Cyber Security and Human Rights“.

Weitere Angebote für MOOCs finden sich zum Beispiel auf openhpi.de (gestartetet vom Hasso-Plattner-Institut/Spezialisierung auf Informationstechnik) sowie unter edx.org (gemeinsame Plattform des Massachusetts Institute of Technology und der Universität Harvard).

Wie werde ich MOOC-Student?

Auf udacity sollen Online-Studenten schon bald die ersten kompletten Studiengänge belegen können. Screenshot: udacity.com
Auf udacity sollen Online-Studenten schon bald die ersten kompletten Studiengänge belegen können. Screenshot: udacity.com

Sich für ein MOOC einzuschreiben ist leichter als Online-Shopping:Die Anmeldung erfolgt per Mailadresse oder auch über den Facebook-Zugang (etwa bei iversity). Falls der gewünschte Kurs noch nicht gestartet ist, gibt es eventuell eine kleine Wartezeit. Ansonsten geht es gleich mittenhinein ins virtuelle Studentenleben.

 Je nachdem, für welche Kurse man sich entscheidet und wie sehr man sich einbringt, müssen zwischen zwei und sechs Stunden pro Woche an Zeit eingebracht werden. Wer mehrere Kurse auf einmal belegt und diese ernsthaft verfolgt, landet schnell beim Umfang eines Teilzeit-Jobs.

Um den Überblick über die Kurse und die eigenen Fortschritte zu behalten, hat jeder Teilnehmer seinen persönlichen Bereich – bei iversity zum Beispiel Dashboard genannt. Wie in sozialen Netzwerken kann auch hier ein eigenes Profik ausgefüllt werden, damit die Mit-Studenten wissen, mit wem sie es zu tun haben.

MOOCs – nur ein Hype oder eine echte Revolution?

Sebastian Thrun ist mit udacity angetreten, um die Universitäten umzukrempeln, wie er selbst sagt. Doch trotz des riesigen Enthusiasmus in Bezug auf MOOCs ist es eine Tatsache, dass die Bewegung noch in den Kinderschuhen steckt. Vieles muss noch ausgetestet werden, vieles muss weiterentwickelt werden. Da ist zum Beispiel die große Frage, ob ein Online-Studium tatsächlich ein Studium an einer echten Universität mit wirklichen Kommilitonen und der persönlichen Betreuung ersetzen kann oder eher als eine Ergänzung gesehen werden sollte.

Nach zwei Jahren MOOC-Begeisterung zeichnet sich ab, dass die Abbrecherquote sehr hoch ist. Nur ein kleiner Teil derer, die sich für einen Kurs anmelden, halten es bis zum Schluss durch. Viele Teilnehmer konsumieren die Inhalte nur passiv und bringen sich nicht ein – was dem Community-Gedanken zuwider läuft. Wie kann man die Menschen motivieren, bei der Stange zu bleiben und sich wirklich einzubringen?

Und natürlich sind MOOCs auch ein Geschäft. udacity etwa arbeitet wie gesagt daran, künftig komplette Studiengänge online anzubieten, die im Vergleich zu den üblichen Studiengebühren in den USA zwar vergleichsweise günstig sind, aber dennoch eine Menge Geld kosten. Einige Nachhilfekurse sind hier ebenfalls bereits gebührenpflichtig. Andere Plattformen werden diesem Beispiel sicherlich folgen und neben den kostenlosen Kurse auch Premium-Angebote offerieren.

udacity und coursera sollen nach einem Bericht des Wirtschaftmagazins brandeins zudem schon heute  systematisch nach den besten unter ihren Absolventen Ausschau halten und diese dann an Unternehmen weiterempfehlen, die für diesen Service zahlen.

Kurz: Auch MOOCs und die damit verbundenen Plattformen sind vermutlich nicht die perfekte neue Lernwelt. Aber sie sind ein großer Schritt in Richtung lebenslanges Lernen. Sich fortzubilden und den eigenen Horizont zu erweitern ist mit den Online-Vorlesungen so einfach, wie es vermutlich noch nie war. Ein Versuch lohnt sich definitiv – wer weiß, welche verborgenen Talente man vielleicht noch bei sich entdeckt…

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